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Wie kalkulieren freie Lektoren ihre Preise?

Voraussichtliche Lesedauer: 9 Minuten

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Mathias Stolarz

In diesem Artikel erfahren Sie, wie viel eine sorgfältige Textbearbeitung von professionellen Dienstleistern in Deutschland aktuell durchschnittlich kostet.

Auf dieser Seite finden Sie:

  • Aktuelle, marktfähige Preise als Stundensatz und Seitenpreise
  • Wie sich die Preise in den letzten ca. 16 Jahren am Markt entwickelt haben
  • Warum Dumpingpreise eine Gefahr für freiberufliche Lektoren und Lektorinnen darstellen
  • Berechnungsgrundlagen für Honorare von Freiberuflern
  • Vieles mehr

Warum es wichtig ist, über Preise zu sprechen

Als ich vor 10 Jahren mit meinem freien Lektorat angefangen hatte, hatte ich ein kleines Problem: Ich wusste nicht, welche Preise man für die verschiedenen Dienstleistungen verlangen konnte. Bisher kannte ich die Preise nur von der Verlagsseite aus. Die, die das Marketing vorgibt. Aber jetzt war ich auf der anderen Seite des Tisches und es war Zeit, die Kalkulation zu überdenken. Zum Glück veröffentlichten einige Lektorinnen und Lektoren damals ihre Seitenpreise und Stundensätze online.

Die Preise konnten meiner Meinung nach nicht stimmen. Und wenn sie stimmten, dann konnten sie auf keinen Fall nachhaltig sein. Als Freiberufler muss man für Auftragsflauten Rücklagen bilden und fürs Alter vorsorgen. Vielleicht hatten aber auch alle nebenbei im Lotto gewonnen? Ich hatte so viele Fragen …

Der Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL) schrieb zu den Honoraren auf seiner Website:

Als Verband können wir keine konkreten Preise nennen, ohne damit den freien Wettbewerb zu berühren. Eine gute Orientierung ist aber der Vergleich mit Vergütungen von Angestellten, die eine ähnliche oder die gleiche Qualifikation besitzen (Freie Lektorinnen und Lektoren haben nahezu ausnahmslos eine abgeschlossene akademische Ausbildung). Oft ist das Erstaunen bei diesem Vergleich groß: „Die verlangen ja weit mehr als das Doppelte von meinem Bruttostundenlohn!!“ Unverschämte Preistreiberei? Mitnichten! Das liegt in der Natur der Sache. Wer freiberuflich arbeitet, kann nur etwa die Hälfte der geleisteten Arbeitszeit tatsächlich fakturieren und muss darüber hinaus alle betrieblichen Kosten selber tragen. So schlägt am Ende leicht das Dreifache des Bruttostundenlohns von Angestellten zu Buche. Das sollten Sie bei der Preisverhandlung berücksichtigen.

https://www.vfll.de/honorare-im-lektorat/

Wer freiberuflich arbeitet, kann nur etwa die Hälfte der geleisteten Arbeitszeit tatsächlich fakturieren

Das steht in dem Zitat, aber was heißt das eigentlich genau? 50 Prozent der geleisteten Arbeitszeit werden fakturiert, also den Kunden in Rechnung gestellt – 50 Prozent der Arbeit werden nicht bezahlt.

Diese unbezahlten 50 Prozent werden aber trotzdem hart gearbeitet: Kundengewinnung, Angebotserstellung, Rechnungsstellung, Weiterbildungen, Marketing, Behebung von Computerproblemen, und anderen organisatorischen Aufgaben. In dieser Zeit sind Freiberufler ihre eigene IT-Abteilung, Marketingabteilung, das Controlling und Sekretariat.

Wie hoch ist die fakturierbare Arbeitszeit bei freien Lektoren?

Jedes Jahr gibt es ungefähr 260 Wochentage und im Durchschnitt 10 Feiertage, die auf einen Wochentag fallen. Das bedeutet, es gibt maximal 250 Arbeitstage. Maximal, weil von diesen Tagen (wahrscheinlich) noch Krankheitstage – im Bundesdurchschnitt 2021: 18,17 Tage – und (hoffentlich) Urlaubstage – im Bundesdurchschnitt: 30 Tage – abgezogen werden müssen.

Von den 250 Arbeitstagen bleiben also nach Abzug von Krankheits- und Urlaubstagen noch ungefähr 202 Tage übrig. Fertig?

Noch nicht ganz.

Wir erinnern uns, dass durchschnittlich nur 50 Prozent der Arbeitstage in Rechnung gestellt werden können. 50 Prozent von 202 Tagen ergeben also 101 Tage, die der Selbstständige an Kunden verkaufen kann.

Auf Stunden heruntergebrochen ergeben sich also 101 Tage x 8 Stunden = 808 Stunden pro Jahr. Und das jetzt einfach mit einem Stundensatz multiplizieren, und zack, wir haben unser Jahreseinkommen! Aber welchen Stundensatz sollen wir nehmen?

Dumpingpreise als Marketingstrategie

Der Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren hatte vor etlichen Jahren eine Honorarempfehlung herausgegeben und so probiert, den Mitgliedern wirtschaftliches Handeln näherzubringen und sie für mögliche Folgen von Dumpingpreisen (zum Beispiel diese Altersarmut, von der man andauernd hört) zu sensibilisieren. Diese ehemaligen Honorarempfehlungen sind im Internet an jeder Ecke zu finden, und so mancher Lektor und Korrektor beruft sich auch heute noch auf sie.

Diese Empfehlung aus längst vergangenen Zeiten scheint auch im Jahr 2022 immer noch eine magische Anziehungskraft zu haben.

Seit einiger Zeit werden keine Empfehlungen mehr ausgesprochen, weil man Angst davor hat, dass die Veröffentlichung einer illegalen Preisabsprache gleichkomme und gegen den freien Wettbewerb verstoße. Und damit es neben dem Kaffeekartell (Strafe: 160 Mio. Euro), dem Bierkartell (Strafe: 338 Mio. Euro) und dem Zementkartell (Strafe: 661 Mio. Euro) nicht auch noch das Lektoratskartell gibt, stehen vor allem Berufsanfänger vor der Frage, wie sie ihre Preise wirtschaftlich sinnvoll* kalkulieren sollen. Das endet nicht selten in einem permanenten Unterbieten der anderen Dienstleister (wenn ich einfach billiger bin als alle anderen, dann wird doch bestimmt bei mir gekauft, oder?).

Auch einige Auftraggeber können nicht mehr einschätzen, welcher Preis gerechtfertigt ist und welcher Preis ein Dumpingpreis ist.

* Wirtschaftlich sinnvoll in dem Sinne, dass ein Lebensstandard wie bei ähnlich ausgebildeten Arbeitnehmern gehalten werden kann.

Zu den ehemaligen Honorarempfehlungen

Wir schreiben das Jahr 2008: Ein halbes Pfund Butter kostet 1,10 Euro und das Briefporto für einen normalen Brief liegt bei 55 Cent. Good old days.

Gleichzeitig sind die Honorarempfehlungen für ein Korrektorat im Jahr 2008 ab 32 Euro, für ein Lektorat ab 42 Euro. Für ein Werbelektorat und andere Spezialformen wie die Umbruchkorrektur und die Schlusskorrektur werden ab 53 Euro empfohlen. Als Mindestpreis für die Normseite in einem Korrektorat werden damals ca. 3,20 Euro genannt, für das Lektorat 5,30 Euro. Und am 18. August 2008 erscheint ein Text mit dem Titel „Freie Lektoren unterbezahlt“ im Börsenblatt.

Wie haben sich die Preise entwickelt?

Wir spulen vor ins Jahr 2022:

Butter kostet mit 1,59 Euro im Schnitt stolze 45 Prozent mehr als damals

Das Briefporto wurde auf 85 Cent und somit auch um 54 Prozent erhöht

Nimmt man die Preissteigerung von 45 Prozent als die tatsächliche durchschnittliche Teuerungsrate in den letzten 14 Jahren an, dann erhalten wir folgende Stundensätze für 2022:

  • Korrektorat ab 47,50 Euro
  • Lektorat ab 62,00 Euro
  • Spezialformen ab 78,40 Euro

Für die Normseite bedeutet das:

  • Korrektorat ab 4,70 Euro
  • Lektorat ab 7,85 Euro
  • Spezialformen ab 15,70 Euro

Die Ab-Preise gelten für „durchschnittlich“ gute Texte. Fehlt einem Autor die Übung oder wurde der Text noch nicht lektoriert bzw. überarbeitet, dann wird der Lektor für gewöhnlich einen sehr viel höheren Seitenpreis ansetzen müssen.

Diese Preise decken sich mit den Empfehlungen des Bundesverbands freiberuflicher Kulturwissenschaftler aus dem Jahr 2015 (40–60 Euro je Stunde für ein Lektorat, Bild- und Textredaktion: 60–80 Euro je Stunde).

Die mediafon Selbstständigenberatung GmbH, eine Tochterfirma der Gewerkschaft ver.di, nennt diese Preise sogar schon im Jahr 2008 für den Fachverband Freier Werbetexter für „Korrekturlesen und Lektorat je Stunde 50–80 Euro (Durchschnitt 70 Euro)“. Laut der eigene Website werden aktuell 90 Euro angesetzt; falls das der Durchschnitt ist, könnte der Preis aber auch zwischen 70 und 100 Euro liegen.

Warum gibt es „Ab-Preise“?

Die Kosten für den Kunden hängen hauptsächlich vom Zeitaufwand ab, der bei den Textbearbeitungen wie dem Lektorat oder Korrektorat entsteht. Dieser wird durch 7 Faktoren beeinflusst:

Länge der Texte/Umfang in Normseiten

Die Verwertungsgesellschaft Wort (VG WORT) hat die Textmenge auf einer Normseite vereinfacht mit 1500 Zeichen inklusive Leerzeichen festgelegt. Eine typische Normseite mit 60 Anschlägen pro Zeile und 30 Zeilen pro Seite hat durchschnittlich eben diese 1500 Zeichen, da bei einer Normseite die Silbentrennung ausgeschaltet ist. Da es auf jeder Seite nicht voll beschriebene Zeilen gibt und der Text durch Absätze gegliedert ist, gibt es keine Normseite, die genau 1800 Zeichen inklusive Leerzeichen hat. Diese Leerzeichen (oder sogar ganze Leerzeilen) zählen aber zum Text dazu, da es sich hier um eine inhaltliche Information handelt (Szenenende, Dialogwechsel, Themenwechsel).

Die Größe der Normseite ist für den Lektor oder Korrektor ein Richtwert, mit dem er den zeitlichen Arbeitsaufwand und somit die Preise des Lektorats oder des Korrektorats abschätzt.

Fertigstellung der Bearbeitung/Deadline

Knapp bemessene Deadlines und Fristen (und daraus resultierende Nachtarbeit/Wochenendarbeit/Feiertagsarbeit außerhalb der regulären Öffnungszeiten) haben einen Einfluss auf die Preise im Lektorat. Bei diesen Eilaufträgen (häufig im Werbelektorat) entstehen durch den Zeitdruck höhere Kosten.

Schwierigkeitsgrad der Texte/Komplexität

Texte, die ein komplexes Thema mit komplexem Satzbau und langen Komposita beschreiben, sind schwieriger zu bearbeiten als kürzere Sätze, die ein einfaches Thema mit einfachen Worten beschreiben. Das fällt vor allem bei einem Lektorat oder der Textredaktion ins Gewicht, für die Kosten im Korrektorat ist es eher nebensächlich.

Anzahl der zu korrigierenden Textstellen/Fehlerdichte

Texte mit einer sehr hohen Fehlerdichte müssen häufiger mit Korrekturanweisungen versehen werden als Texte mit einer geringeren Fehlerdichte. Viele Fehler senken also die Anzahl der Normseiten, die pro Stunde geprüft werden, und die Arbeit dauert insgesamt länger. Das gilt vor allem für die Kostenkalkulation beim Korrekturlesen.

Teillieferungen der Texte/Dokumentenmanagement

Wenn ein zusammenhängender Text, z. B. ein Sachbuch oder eine Mitarbeiterzeitung, über mehrere Tage hinweg einzeln eintrifft, ist das Datenmanagement schwieriger als bei vollständigen Texten. Das gilt vor allem für die Preise fürs Lektorat, wenn zum Beispiel der „rote Faden“ geprüft werden soll.

Komplexität des Layouts/Textformatierung/Dateiformate

Eine Seite mit nur einer Spalte ist einfacher zu korrigieren als eine Seite mit 4 Spalten. Bei Umbruchkorrekturen müssen für gewöhnlich auch mehrere Überschriften und andere Auszeichnungen überprüft werden. Manchmal muss hierfür auch in einem Dateiformat gearbeitet werden, in dem der Dokumentationsaufwand der Fehler deutlich höher und zeitintensiver als in Word ist. Darum sind die Preise bei Schlusskorrektur und Umbruchkorrektur auch höher als beim einfachen Korrekturlesen.

Weiterführende Aufgaben/Extras

Dazu zählen zum Beispiel redaktionelle Bearbeitungen, für die weitere Recherchen oder Verifikationen von Inhalten, die nicht zum Allgemeinwissen zählen, notwendig sind. Der zeitliche Mehraufwand schlägt sich auch in den Kosten nieder.

Und jetzt sind Sie dran.

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